Übersetzungs-Algorithmen neigen dazu, wichtige Details auszulöschen, sobald die Grammatik der Ausgangs- und Zielsprache zu unterschiedlich aufgebaut ist. Lesen Sie, warum selbst modernste KI an dieser Komplexität scheitert und warum eine fehlerfreie Übersetzung hier vor allem eines erfordert: deutlich mehr Zeit für die menschliche Expertise.

Wenn Profis Texte übersetzen, sind fehlende Vokabeln selten das Hauptproblem. Die wahre Schwierigkeit ist der unterschiedliche grammatikalische „Bauplan“ der Sprachen. Besonders fehlerhaft arbeiten Computer-Übersetzer (KI), wenn sie zwischen zwei völlig unterschiedlich aufgebauten Sprachtypen übersetzen müssen:
Aktuelle Studien zeigen: Wenn Computer zwischen diesen Sprachen übersetzen, geht viel Inhalt verloren. Das hat spürbare Folgen dafür, wie genau und richtig der Zieltext ist.
In polysynthetischen Sprachen wimmelt es von sogenannten Morphemen. Ein Morphem ist der kleinste Baustein eines Wortes, der eine eigene Bedeutung hat. Ein Beispiel aus dem Wixarika: Dort gibt es einen winzigen Wortbaustein, der anzeigt: „Die Handlung, über die ich spreche, sehe ich gerade mit meinen eigenen Augen.“ Wenn ein Computer das nun ins Deutsche übersetzt, sucht er nach einem exakten Wort dafür. Findet er keins, lässt er diese feine, aber wichtige Bedeutung einfach weg. Für Muttersprachler fehlt dann etwas Entscheidendes, aber der Algorithmus behandelt es wie unwichtigen Datenmüll.
Manchmal bilden viele solcher Bausteine zusammen ein einziges Wort, das für uns ein ganzer Satz wäre. Das Wort ne-pɨ-ka-ni bedeutet zum Beispiel „Ich sehe (es)“ und funktioniert wie ein Baukasten:
Zusätzlich zum Problem der Wortbausteine stolpert Künstliche Intelligenz über die Satzstellung (Syntax). Manche Sprachen verlangen zwingend die Reihenfolge „Wer macht was mit wem?“, andere sind da weniger rigide. Ein Computer, der auf starre Muster trainiert ist, baut hier schnell fehlerhafte Sätze.
Dazu kommt, wie eine Sprache zeigt, wer im Satz überhaupt etwas tut:
Hier prallen zwei völlig verschiedene „Betriebssysteme“ aufeinander. Ein Computer, der nur mit einem System gut umgehen kann, produziert beim Übersetzen unweigerlich Chaos.
Die Sprachdistanz beschreibt, wie unterschiedlich zwei Sprachen aufgebaut sind (Deutsch und Englisch sind sich z. B. nah, Deutsch und Nahuatl sind extrem weit voneinander entfernt).
Diese Distanz bedeutet nicht, dass ein menschlicher Übersetzer den Text nicht versteht. Es bedeutet aber: Sein Gehirn braucht messbar mehr Zeit, um den völlig fremden Aufbau zu entschlüsseln (Dekodierung). Für die Praxis heißt das: Wer Übersetzungen zwischen solch fernen Sprachen in Auftrag gibt, muss mehr Zeit einplanen. Unter Zeitdruck leidet sonst die Qualität massiv.
Ein großes Problem aktueller Übersetzungsprogramme ist, dass sie seltene Sprachen nicht nur schlecht übersetzen, sondern deren Eigenheiten förmlich „auslöschen“. Findet der Algorithmus für einen fremden Wortbaustein keine deutsche Entsprechung, ignoriert er ihn einfach. Was bei einem harmlosen Text nur ärgerlich ist, wird bei wichtigen Verträgen oder medizinischen Dokumenten zu einem echten Haftungsrisiko, weil plötzlich entscheidende Details fehlen.
Mager, M., et al.: Analysis of Information Loss During Machine Translation Between Polysynthetic and Fusional Languages. ACL Anthology.
Kuperman, V. (2025): How does language distance affect reading fluency and comprehension in English as second language? Cambridge University Press & Assessment.
Nichols, J. (1986) / Baker, M. (1996) – als Grundlage der Gegenüberstellung von Head-marking und Dependent-marking.
Foto von Valery Fedotov auf Unsplash